Zwei Kicker im Land des Staunens

04.10.2017

Ein Ort, an dem theoretisch jeder Mensch alle Sprachen versteht, wo kaum noch jemand bar bezahlt und wo der (elektromobile) Verkehr schwarmintelligent und unaufgeregt über einwandfrei asphaltierte Straßen läuft – was wie eine Zukunftsvision klingt, ist längst Wirklichkeit: In China haben das Markus Stöhr und Wolfgang Schoppenhorst von KICK hautnah erlebt, als sie das Reich der Mitte mit dem Motorrad bereisten.

Es war ein Jahr lang nur eine verrückte Idee: Wolfgang Schoppenhorst unterhielt sich an den gemeinsamen Donnerstagen der Motorradgruppe immer wieder mit Zhi, einem Wirtschaftsingenieur. „Wann machen wir eine Tour durch China?“, fragte der geschäftsführende KICK-Gesellschafter am Standort Ladbergen immer mal wieder. Anfang des Jahres ließ der gebürtige Chinese Zhi dann Taten folgen und schlug eine Route in seinem Heimatland vor. Starten könnte man ab Kunming, im Süden in der Provinz Yunnan gelegen. Maschinen gäbe es vor Ort bei einem BMW-Händler und ein ortskundiger Guide ließe sich sicher auch schnell organisieren.

Nun war der Kicker am Zug. Schnell konnte er Markus Stöhr aus Berlin für die Idee gewinnen. Der musste nicht lange überlegen: „Vor allem war ich natürlich auf Land und Leute gespannt. Und darauf, mir angesichts so mancher Klischees mein eigenes Bild machen zu können“ erzählt der Hobbybiker.

Smartphone als Dolmetscher

Gleich nach der Einreise gab es für die Gruppe mit insgesamt sechs Bikern eine Begegnung der besonderen Art. Im „Grand Plaza“, einem Fünf-Sterne-Hotel in der Sechs-Millionen-Metropole Kunming, sprach an der Rezeption des riesigen Luxushotels niemand ein Wort Englisch. „Stattdessen nutzte der Concierge ein Smartphone mit Dolmetscher-App“, beschreibt Wolfgang Schoppenhorst den Empfang. „Er sprach auf Chinesisch in sein Gerät, und das spuckte die Informationen sofort in verständlichem Englisch für uns aus. Auf dem gleichen Weg antworteten wir und wurden sofort ins Chinesische übersetzt. Eine praktische Sache für uns, auch im Restaurant oder beim Einkaufen.“

Um wie viel weiter die elektronischen Nutzungsmöglichkeiten in dieser Region des Landes sind, erfuhren die Deutschen bei vielen Gelegenheiten. „Kaum noch jemand zahlt zum Beispiel in bar“, erläutert Markus Stöhr. „Wir hatten uns ein Taxi zum Hotel bestellt, natürlich per App. Schon bei der Buchung zahlte Zhi ganz selbstverständlich per Handy. So war das auch auf der Straße, selbst in der Provinz.“

E-Banking stark verbreitet

Grundlage dafür ist das chinesische Internet, das als sehr sicher gilt. Natürlich liegen Zensur und Kontrolle in der Luft, wenn man über das World Wide Web in China nachdenkt. Tatsache ist aber auch, dass rund 100.000 Programmierer und Entwickler mit „We chat“ ein Pendant zu „WhatsApp“ entwickelt haben, das sozusagen das chinesische Facebook gleich integriert hat. Und das Banking, so Markus Stöhr, sei auch gleich mit dabei.

„China ist keine freie Marktwirtschaft, wie wir das kennen und schätzen. Das Einreiseprozedere dauerte zwei Stunden, und man ließ uns spüren, wer das Sagen hat.“ Aber, so der Berliner Kicker, das sei im Grunde doch bei den Passkontrollen in den USA nicht anders. Womöglich wurden sie als Fremde in den zwei Wochen auch überwacht. Aber: „Eine der wirklich großen Überraschungen war für mich neben der Fortschrittlichkeit, wie frei sich die Einheimischen in ihrem Land fühlen. Natürlich haben wir in den zwei Wochen nur einen kleinen Ausschnitt kennengelernt. Aber ich würde behaupten, dass in den westlichen Ländern nicht jeder so zufrieden und gelassen wirkt, wie die meisten Leute hier.“

Gute Infrastruktur

Der zentrale Programmpunkt der Reise war für die Deutschen die rund 1.800 Kilometer lange neuntägige Tour: Gemeinsam mit ihrem Guide fuhren die sechs Biker auch entlang alter Handelsstraßen, auf denen früher Chinesen und Tibeter Tee gegen Pferde tauschten und die überraschend gut ausgebaut waren. „Einmal kamen wir in ein kleines Dorf, wo uns die Bewohner inklusive Ortsvorsteher neugierig willkommen hießen“, erzählt Wolfgang Schoppenhorst. „Die letzten Europäer waren hier wohl vor zwei Jahren vorbeigekommen.“ Selbst in größeren Städten wurden die Deutschen ausgiebig bestaunt, viele Einheimische bestanden auf ein Gruppenfoto. „Man hat uns sehr gastfreundlich und zuvorkommend behandelt, fast wie eine diplomatische Delegation.“

Nach Tagen mit atemberaubenden Berglandschaften und Panoramen ging es zurück in die Metropole Kunming. Statt mit schweren Motorrädern sind die meisten Chinesen hier mit E-Bikes und Fahrrädern unterwegs. Auch diese können selbstverständlich über Apps gemietet werden. Sowohl die Fahrräder, mit robustem Riemenantrieb, als auch die E-Roller ließen auf bestes Ingenieurwesen schließen. „E-Mobilität wird gerade in den chinesischen Millionenstädten groß geschrieben“, sagt Wolfgang Schoppenhorst. „9 von 10 Rollern sind eigene Fabrikate. Sie sind robust, kosten aber gerade mal gut die Hälfte wie in Deutschland.“ Und er fügt hinzu: „Wir in Deutschland haben die Entwicklung in Sachen E-Mobilität in der Tat etwas verschlafen, das wird einem hier deutlich. Und so viel berechtigter Kritik sich das Regime auch gegenübersieht – Entscheidungswege sind hier einfach kürzer und Wirtschaftsleitlinien werden eben schneller durchgesetzt.“

Regeln mit Dehnungscharakter

Vor allem beim Thema Verkehr – da waren sich die beiden reisenden Kicker einig – könne die westliche Welt noch eine Menge von China lernen. „Die Chinesen sind mit einer Art Schwarmintelligenz unterwegs“, beschreibt Markus Stöhr seine Eindrücke. Natürlich gebe es im Reich der Mitte Verkehrsregeln, aber diesen besäßen einen Dehnungscharakter. „Hupen kennen wir in Deutschland ja fast nur als Warnung oder Ausdruck des Beleidigtseins. In China hat es eher etwas von ,Entschuldigung, dürfte ich mal durch?’. Während wir Deutschen immer auf unser Recht beharren, ist hier kein Mensch beleidigt, wenn jemand einmal rechts überholt. Alle fahren trotzdem achtsam. Und unter dem Strich ist der Verkehr selbst in den größten chinesischen Metropolen stressfreier.“

Die beiden sind sich sicher: Ihre Erfahrungen lassen sich auch auf die Unternehmenswelt übertragen. „In Europa und in der gesamten westlichen Welt ist alles bis zum Ende durchorganisiert. Handbücher und Vorgaben regieren immer noch viel zu oft die Geschäftswelt“, erklären Wolfgang Schoppenhorst und Markus Stöhr. Was die Chinesen, im Verkehr ebenso wie zunehmend auch in ihren Unternehmen, zeigen, seien überwiegend agile Prozesse. „Basisregeln sind sinnvoll, aber sie sollten eben auch nicht zu unkritisch übernommen werden. Wichtiger ist für die Chinesen viel mehr, dass unter dem Strich alle gemeinsam besser vorankommen.“ Dass dabei alle Beteiligten gleichzeitig auch Respekt und Achtsamkeit im Blick behalten, haben die beiden Deutschen in diesem Sommer gelernt.